Google und der Gegenwind

Google Happy Halloween! 2008 Doodle designed by Wes Craven

Google muss aufpassen. Die Stimmung wendet sich zusehends gegen den Internetkonzern. Dabei tut der eigentlich nur das Gleiche wie seit Jahren -- die mit weitem Abstand populärste Internetsuche anbieten, mit den Anzeigen um diese Suche herum viel Geld verdienen, mit diesem Geld jede Menge praktische Dienste entwickeln und diese jedermann (zumeist kostenlos) anbieten.

Wer diese praktischen Dienste richtig effektiv nutzen will, der muss freilich Google dazu auch ein paar Dinge über sich verraten. Wieviel ein jeder preisgibt, lässt sich sehr granular steuern und bleibt auch jedem selbst überlassen; ebenso wie überhaupt niemand die Suche und übrigen Services von Google nutzen muss. Ich finde es deswegen vollkommen verkehrt, über Google als "Datenkraken" oder Monopolisten zu reden. Google ist Marktführer, und dazu trage ich jeden Tag mit Vergnügen mein Scherflein bei.

Nur damit an dieser Stelle kein Missverständnis aufkommt: Natürlich muss man sehr wohl darauf achten, dass Google mit unseren vielen Daten, die in kleinen Häppchen über seine unzähligen Server verteilt liegen, sorgfältig umgeht und kein Schindluder damit treibt. Was Google meiner Einschätzung nach schon im eigenen Interesse tut (darauf achten meine ich) und auch zukünftig tun wird. Schließlich ist die Konkurrenz im Internet immer nur einen Klick entfernt.

Nun bin ich ja von Berufs wegen Journalist. Das ist ein schöner Beruf mit sehr vielen Freiheiten. Der auch schon mal noch schöner war, Stichwort Medienkrise. Heute aber habe ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit geschämt, Journalist zu sein. Eher fremdgeschämt allerdings. Und zwar für unsere Standesvertretung, den Deutschen Journalisten-Verband (DJV). Der fordert nämlich in personam seines Vorsitzenden Michael Konken heute eine

konzertierte Aktion mit den Urhebern gegenüber dem Monopolisten Google.

Angesprochen werden dabei explizit "Verleger und Politik". Konken warnt vor "der wachsenden Meinungsmacht von Google" und fordert dagegen gesetzliche Regelungen ein:

Der Gesetzgeber muss einerseits der Gratis-Kultur des Internets zu Gunsten der Urheber einen wirksamen Riegel vorschieben und andererseits die Befugnisse des Bundeskartellamtes so ausweiten, dass die Behörde Meinungsmonopole im Internet verhindern kann.

Ich weiß nicht, was der Herr Konken geraucht oder genommen oder was ihn bei diesen Aussagen geritten hat. Aber ich weiß, dass an der Gratis-Unkultur des Internets nicht Google Schuld ist. Sondern die Verlage selbst, die ihre Inhalte allesamt kostenlos ins Netz gestellt haben (wenn man von wenigen Ausnahmen wie dem "Wall Street Journal" oder der Stiftung Warentest absieht) und jetzt das Rad weder zurückdrehen noch neu erfinden können. Und ich weiß, dass Google kein Meinungsmonopol hat. Google ist nämlich einfach ein neutraler Plattformanbieter. Über seine Plattform verbreitet es die Meinungen anderer. Wer schlau ist, der nutzt diese Plattformen zu seinem Vorteil. Wer darauf verzichtet, sie zu nutzen, ist selbst Schuld.

Womit wir auch schon bei der "Hamburger Erklärung" angelangt wären. Dieses von Springer-Chef Mathias Döpfner angestrengte Pamphlet haben inzwischen zahlreiche Verlage unterzeichnet, die meisten davon aus Deutschland. In dem Papier heißt es:

Das Internet ist für den Journalismus eine große Chance. Aber nur, wenn die wirtschaftliche Basis auch in den digitalen Vertriebskanälen gesichert bleibt. Das ist derzeit nicht der Fall.

Und weiter:

Freier Zugang zu Webseiten bedeutet nicht zwingend kostenlosen Zugang. Wir widersprechen all jenen, die behaupten, dass Informationsfreiheit erst hergestellt sei, wenn alles kostenlos zu haben ist. Der freie Zugang zu unseren Angeboten soll erhalten bleiben, zum Verschenken unseres Eigentums ohne vorherige Zustimmung möchten wir jedoch nicht gezwungen werden.

Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben. Am Ende muss auch im World Wide Web gelten: Keine Demokratie gedeiht ohne unabhängigen Journalismus.

Alles schön und gut. Die Kurzfassung aus meiner Sicht: Wir führen Paid Content wieder ein. Viel Spaß dabei (wenn die Inhalte so bleiben, wie sie derzeit sind; s.u.). Richtig ärgerlich finde ich an der "Hamburger Erklärung" neben dem -- wie beim DJV vollkommen abwegigen -- Ruf nach dem Gesetzgeber aber vor allem folgenden Passus:

Zahlreiche Anbieter verwenden die Arbeit von Autoren, Verlagen und Sendern, ohne dafür zu bezahlen. Das bedroht auf die Dauer die Erstellung von Qualitäts-Inhalten und von unabhängigem Journalismus.

Welche Anbieter sind hier bitteschön gemeint? Doch nicht etwa die ganzen Autoren, Verlage und Sender selbst, die hemmungslos voneinander abkupfern, ohne sich an journalistische Grundprinzipien wie das Nennen der ursprünglichen Quelle zu halten?

Google jedenfalls kann aus meiner Sicht schwerlich gemeint sein. Denn Google tut primär eines: Auf die Inhalte von Autoren, Verlagen und Sendern verweisen, damit sie von möglichst vielen Menschen gefunden werden können.

Die Erstellung von Qualitäts-Inhalten und der unabhängige Journalismus sind in der Tat bedroht. Und zwar zu einem Gutteil durch die Verleger, welche scheinheilig die "Hamburger Erklärung" unterzeichnet haben. Nachdem sie jahrelang die Redaktionen in ihren Medienhäusern dezimiert, die Honorare und Rechte freier Journalisten beschnitten und ihre Webseiten von teuer bezahlten "SEO-Experten" haben klickoptimieren lassen.

Zwischen Google und den Medienhäusern gibt es einen entscheidenden Unterschied: Google ist eine Firma, die mit dem Internet groß geworden ist und das neue Medium nahezu perfekt zu nutzen versteht. Die Medienhäuser, früher Verlage genannt. kommen aus der Vorzeit des Internet. Aus dieser "guten alten Zeit" sind sie fette Margen und Gewinne gewohnt, die ihnen nun seit Jahren wegbrechen. Und die es so nie wieder geben wird.

Das Internet mit seinen neue Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung hat nämlich die Medienlandschaft und Mediennutzung grundlegend verändert*. Die Medienhäuser aber haben das viel zu lange nicht verstanden und gedacht, sie könnten einfach ihre bisherigen Produkte eins zu eins ins Netz packen und weitermachen wie gewohnt. Mit den gleichen alten Leuten und dem gleichen alten "Mindset". Und diese gleichen alten Leute mit dem gleichen alten "Mindset" haben immer noch das Sagen. Anders sind die DJV- und "Hamburger Erklärung" nicht zu erklären**.

Die nächste Generation von mündigen Medienkonsumenten holt sich ihre Informationen sowieso nur noch aus dem Netz (für ein paar gut gemachte, analytische und hintergründige Zeitungen und Zeitschriften wird es natürlich trotzdem noch lange einen Markt geben). Für die Medienhäuser -- und damit auch für mich -- gibt es deswegen nur eine Chance: Das Internet mit seinen neuen Möglichkeiten aktiv nutzen und journalistische Inhalte in einer solchen Qualität und Exklusivität produzieren, dass die Leser dafür wieder Geld in die Hand nehmen beziehungsweise aus der Hand geben. Mit austauschbaren Agenturmeldungen oder grenzdebilen Bilderstrecken und Quizzes wird das jedenfalls nicht zu machen sein.

Von der technischen Seite brauchen wir dafür dringend noch zwei Dinge, die viel zu lange verschleppt und verschlampt worden sind: Eine andere "Währung" für die Bewertung von Websites als die leidige Page Impression und ein auf breiter Front etabliertes, einfach zu bedienendes Micropayment-System mit geringen Transaktionskosten (!). Google brauchen wir auch, damit die wertigen Inhalte möglichst gut gefunden und möglichst weit verbreitet werden. Das können zukünftig vielleicht auch andere übernehmen; im Moment ist da aber auf breiter Front niemand in Sicht.

Langer Rede kurzer Sinn: Hört auf, Google zu verteufeln und Eure/unsere hausgemachten Probleme einer Internetfirma in die Schuhe zu schieben, die nichts dafür und Euch/uns eher helfen als schaden kann, liebe Verleger und verbliebene Journalistenkollegen!

* Zur weiterführenden Lektüre empfehle ich jedem (wirklich jedem!) das Buch "Was Würde Google Tun?" (WWGT oder auch WWGD wegen des englischen Originaltitels) von Jeff Jarvis. Der gute Jeff bringt es einfach auf den Punkt.

** Die adäquate Antwort von Google-Mann Josh Cohen steht im European Public Policy Blog.

Kleines Update einen Tag später: Ich bin nicht der Einzige. Siehe etwa der offene Brief von Björn Sievers an Michael Konken und dieser gewohnt flapsige Tweet von Thomas Knüwer:

Konken-Tweet von @tknuewer